M&A Case Studies gehören zu den anspruchsvollsten Case-Typen in Interviews bei Beratung, Investment Banking oder Private Equity. Viele Kandidat:innen haben dabei vor allem eins im Kopf: Rechnen.
Doch genau hier liegt der Denkfehler.
Im Kern testen M&A Cases nicht, ob du schnell multiplizieren kannst – sondern ob du:
strategisch denkst
Geschäftsmodelle verstehst
Zahlen sinnvoll einordnest
und eine saubere Empfehlung ableitest
Oder anders gesagt: Es geht weniger um Excel – es geht um Denken wie ein Berater.
Typische Rollen in M&A Case Studies
Je nach Case schlüpfst du in unterschiedliche Rollen. Die häufigsten sind:
Privatperson / Unternehmer, der ein Unternehmen erbt oder übernehmen könnte
Strategischer Käufer, der horizontal (Kauf eines Wettbewerbers) oder vertikal (entlang der Wertschöpfungskette) wächst
Private-Equity-Fonds, der Unternehmen kauft, optimiert und später gewinnbringend verkauft
Die Rolle ist entscheidend – denn sie bestimmt dein Ziel, deine Denkweise und deine Bewertung.
Schritt 1: Wer kauft hier eigentlich wen?
Bevor du auch nur eine Zahl aufschreibst, klärst du die absolute Basis:
Wer ist der Käufer (Akteur)?
Was ist das Zielunternehmen (Target)?
Im Video ist es z.B. eine Beteiligungsgesellschaft, die eine Fitnessstudiokette in Deutschland kaufen möchte – und zwar mit sehr wenigen Infos zu Beginn
Genau hier hebst du dich von schwächeren Kandidat:innen ab, indem du gezielt nachfragst:
Wer ist mein Auftraggeber?
In welcher Branche ist er aktiv und womit hat er Erfahrung?
Was genau soll gekauft werden? Eine ganze Kette oder einzelne Standorte? Handelt es sich um eine Mehrheits- oder Minderheitsbeteiligung?
Steht das Unternehmen überhaupt zum Verkauf?
Gibt es bereits eine Preisvorstellung?
👉 Alles, was du erfährst, schreibst du sauber mit.
Schritt 2: Warum soll der Deal überhaupt stattfinden?
Das ist der wichtigste Reflex in jedem M&A Case:
- „Warum sollte dieser Kauf Sinn machen?“
Viele Kandidat:innen springen sofort in den Rechenmodus. Gute Kandidat:innen stellen zuerst die Warum-Fragen.
Typische Motive, die du systematisch prüfen solltest:
1. Synergien
Kostensynergien
z.B. gemeinsame Buchhaltung, IT, Verwaltung, EinkaufUmsatzsynergien
z.B. Cross-Selling, neue Produkte für bestehende Kunden
2. Marktanteile
Kauf eines Wettbewerbers, um schneller zu wachsen
Stärkere Verhandlungsposition im Markt
3. Portfolioerweiterung
Neue Produkte oder Dienstleistungen
(klassisches Beispiel: Schokoriegel → Schokoladenmilch)
4. Unterbewertung
Das Target ist günstiger zu haben, als es sein Ertragspotenzial vermuten lässt
👉 Allein diese saubere Einordnung zeigt: Du denkst wie ein Berater – nicht wie ein Taschenrechner.
Schritt 3: Dein M&A-Framework – die 4 Bausteine
Im Video wir ein sehr interview-taugliches Framework verwendet, das auch in der Praxis verwendet wird:
- Markt
- Käufer
- Zielunternehmen
- Synergien & Risiken
Mit diesen vier Bausteinen bekommst du fast jeden M&A Case strukturiert gelöst.
1. Markt
Marktgröße: Lohnt sich der Markt überhaupt?
Margen: Wie profitabel ist die Branche typischerweise?
Wachstum: Wachsend oder schrumpfend?
Wettbewerb & Regulierung
2. Käufer (Akteur)
Branchen- und Transaktionserfahrung
Finanzielle Mittel
Ziel:
langfristig integrieren?
optimieren & weiterverkaufen?
3. Zielunternehmen (Target)
Finanzen: Umsatz, Gewinn, EBIT, Cashflows
Qualität: Management, Organisation, Standorte
Vermögenswerte: Marken, Know-how, Technologie
Deal-Struktur: Anteilshöhe, Sonderklauseln
4. Synergien & Risiken
Kostensynergien
Umsatzsynergien
Integrationsrisiken (IT, Kultur, Personal)
Externe Risiken (Markt, Regulierung, Krisen)
👉 Dieses Framework ist deine Checkliste, um nichts Wichtiges zu vergessen.
Schritt 4: Vom Framework in die Zahlen – der Fitnessstudio-Case
Jetzt wird es konkret. Im Fitnessstudio-Case hast du plötzlich echte Zahlen auf dem Tisch:
Mitgliederzahlen
unterschiedliche Beitragshöhen
Mieten, Personal, variable Kosten
- und Co.
Im Video wird nun alles konkret kalkuliert und schließlich der Gewinn ermittelt:
Aufteilung der Mitglieder nach Tarifen
Berechnung des monatlichen Umsatzes pro Studio
Abzug aller Kosten
Ermittlung des Gewinns pro Studio
Hochrechnung auf alle Studios und aufs Jahr
👉 Ergebnis: Du weißt, ob das Geschäftsmodell profitabel ist – und in welcher Größenordnung.
Schritt 5: Unternehmensbewertung – Multiple, DCF & Ertragswert
Jetzt kommt der Moment, den viele aus Interviews kennen:
Es gibt eine konkrete Kaufpreisforderung – und du sollst einschätzen, ob dieser Preis aus wirtschaftlicher Sicht gerechtfertigt ist.
Wichtig ist dabei eines vorweg: In M&A Cases geht es nicht darum, auf den Euro genau den „richtigen“ Wert zu treffen. Entscheidend ist, dass du zeigen kannst, wie du zu einer Bewertung kommst, welche Logik dahintersteckt und welche Annahmen den Wert treiben. Genau hier zeigt sich, ob jemand nur rechnen kann, oder wirklich ökonomisch denkt.
Das Gewinn-Multiple – und warum EBIT, EBITDA & Co. so wichtig sind
Beim Multiple-Verfahren steht nicht nur die Frage im Raum, welches Multiple man ansetzt, sondern vor allem auf welche Kennzahl sich dieses Multiple bezieht. Genau hier trennt sich im Interview sehr schnell solides von oberflächlichem Verständnis.
Grundsätzlich beschreibt ein Multiple immer das Verhältnis zwischen dem Unternehmenswert und einer Ergebnisgröße. Häufig verwendete Größen sind dabei EBIT, EBITDA oder – seltener – der Jahresüberschuss. Welche Kennzahl sinnvoll ist, hängt stark vom Geschäftsmodell und vom Kontext des Cases ab.
Das EBIT (Earnings Before Interest and Taxes) misst das operative Ergebnis nach Abschreibungen. Es eignet sich besonders gut, wenn das Geschäftsmodell kapitalintensiv ist und Abschreibungen eine reale wirtschaftliche Bedeutung haben – etwa bei Industrieunternehmen, Fluggesellschaften oder Fitnessstudioketten mit teuren Geräten und Studioausbau. Ein EBIT-Multiple zeigt also, wie der Markt das operative Ergebnis nach dem Ressourcenverbrauch bewertet.
Das EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization) geht einen Schritt weiter und blendet Abschreibungen aus. Dadurch rückt der operative Cashflow stärker in den Fokus. EBITDA-Multiples werden häufig genutzt, um Unternehmen besser vergleichbar zu machen – insbesondere dann, wenn unterschiedliche Abschreibungsmethoden, Investitionszyklen oder Altersstrukturen der Assets vorliegen. Genau deshalb sind EBITDA-Multiples im Private-Equity-Umfeld sehr verbreitet.
Im Interview ist es ein starkes Signal, wenn du erklärst, warum du dich für EBIT oder EBITDA entscheidest. Bei einer Fitnessstudiokette könntest du zum Beispiel argumentieren, dass hohe Anfangsinvestitionen und regelmäßige Geräteabschreibungen dafür sprechen, eher auf EBIT zu schauen, weil Abschreibungen hier reale wirtschaftliche Kosten widerspiegeln. Alternativ kannst du begründen, dass ein EBITDA-Multiple hilfreich ist, um verschiedene Studioformate oder Betreiber besser zu vergleichen.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen Enterprise Value und Equity Value. EBIT- und EBITDA-Multiples beziehen sich typischerweise auf den Enterprise Value, also den Wert des operativen Geschäfts unabhängig von der Finanzierungsstruktur. Das bedeutet: Wenn du mit EBIT oder EBITDA arbeitest, bewertest du zunächst das Unternehmen ohne Berücksichtigung von Schulden und überschüssiger Liquidität. Erst danach würdest du Nettofinanzschulden abziehen, um zum Eigenkapitalwert zu kommen. Auch diese Einordnung wird in Interviews sehr positiv aufgenommen.
Am Ende gilt: Das Multiple-Verfahren ist kein Rechenkunststück, sondern ein Kommunikationsinstrument. Ein gutes Ergebnis entsteht nicht durch das „richtige“ Multiple, sondern durch eine plausible Begründung, warum du genau diese Ergebnisgröße verwendest und welche Annahmen dahinterstehen. Wer das sauber erklären kann, zeigt, dass er M&A nicht nur rechnen, sondern auch verstehen kann.
Der DCF – theoretisch am saubersten, praktisch anspruchsvoll
Während das Multiple stark am Markt orientiert ist, setzt der Discounted-Cash-Flow-Ansatz direkt an der ökonomischen Grundlogik an: Ein Unternehmen ist so viel wert wie die Summe der zukünftigen Zahlungsüberschüsse, die es erwirtschaften kann – bewertet aus heutiger Sicht.
Dazu werden die erwarteten Free Cashflows für mehrere Jahre in die Zukunft prognostiziert. Diese Cashflows werden anschließend mit einem Zinssatz abgezinst, der das Risiko des Geschäfts widerspiegelt. Meist ist das der sogenannte WACC, also die gewichteten Kapitalkosten. Zusätzlich wird ein Terminal Value berechnet, der den Wert des Unternehmens nach dem expliziten Planungszeitraum abbildet. Gerade dieser Terminal Value macht in der Praxis oft einen großen Teil des Gesamtwerts aus.
Im Interview wird ein vollständiger DCF fast nie gerechnet. Dafür fehlt schlicht die Zeit. Umso wichtiger ist, dass du den Ansatz sauber erklären kannst: Warum Cashflows relevanter sind als Gewinne, warum zukünftiges Geld weniger wert ist als heutiges und welche Annahmen – etwa Wachstum oder Zinssatz – den Unternehmenswert besonders stark beeinflussen. Wer das verständlich erklären kann, signalisiert sehr tiefes Bewertungsverständnis.
Das (vereinfachte) Ertragswertverfahren – der klassische Ansatz im deutschsprachigen Raum
Das Ertragswertverfahren ist dem DCF inhaltlich sehr ähnlich, arbeitet aber stärker mit Ertragsgrößen wie Gewinnen statt mit Cashflows. Im Kern geht es auch hier darum, einen nachhaltig erzielbaren Jahresertrag zu schätzen und diesen auf den heutigen Wert zu kapitalisieren.
In der vereinfachten Form wird häufig angenommen, dass dieser Ertrag langfristig konstant bleibt. Der Unternehmenswert ergibt sich dann aus dem Verhältnis von Ertrag und Kapitalisierungszins. Dieser Ansatz ist besonders bei stabilen Geschäftsmodellen mit überschaubarem Wachstum verbreitet, etwa im Mittelstand. Methodisch ist er eng mit dem DCF verwandt, aber deutlich einfacher in der Anwendung.
Welche Bewertungsmethode überzeugt im Interview?
In M&A Interviews gibt es selten „die eine richtige Methode“. Eine sehr starke Antwort ist häufig, verschiedene Ansätze miteinander zu kombinieren. Zum Beispiel, indem du mit einem Gewinn-Multiple eine schnelle Marktindikation erhältst und diesen Wert anschließend mit einem DCF oder Ertragswert plausibilisierst.
Damit zeigst du nicht nur, dass du die einzelnen Verfahren kennst, sondern auch, dass du sie situativ einordnen kannst – genau das, was Interviewer sehen wollen.
Schritt 6: Empfehlung & Präsentation
Am Ende zählt nicht die Zahl, sondern deine Begründung.
Eine starke Empfehlung enthält:
klares Ziel
sauberes Vorgehen
zentrale Ergebnisse
Risiken & Annahmen
klare Handlungsempfehlung
Genau das trainierst du im Video – realistisch, strukturiert und interviewnah.
👉 Und wenn du M&A Cases wirklich meistern willst:
In Meine Case Study-Masterkurs findest du weitere M&A Case Studies, vollständige Lösungen, Bewertungsaufgaben und Übungsbeispiele, mit denen du die nötige Routine aufbaust.
