Market-Sizing-Case-Studies (Marktgrößenanalyse) sind eine der wichtigsten Case-Arten im Bewerbungsprozess und mit dem richtigen Framework absolut machbar. In diesem Beitrag lernst du Schritt für Schritt, wie du eine Marktgrößenanalyse logisch strukturierst, sinnvolle Annahmen triffst und sauber rechnest, sodass du das Gelernte direkt im nächsten Interview anwenden kannst. Auf deinem Weg hilft dir auch mein YouTube-Video, ich das Framework ausführlich durchgehe und die komplette Vorgehensweise einmal vorrechne.
Was ist ein Market-Sizing-Case?
- Bei einem Market-Sizing-Case schätzt du ab, wie groß ein Markt ist – meistens gemessen in Umsatz (z.B. Euro pro Jahr) oder Stück (z.B. verkaufte Packungen pro Jahr).
- Typische Fragen im Interview sind z.B.: „Wie groß ist der Markt für E-Scooter in Deutschland?“ oder „Wie viele Windeln werden pro Jahr in den USA verkauft?“.
- Unternehmen nutzen solche Analysen, um zu entscheiden, ob sich ein Markteintritt, ein neues Produkt oder ein neuer Vertriebskanal lohnt.
- Im Bewerbungsprozess testen sie damit deine Struktur, dein Zahlengefühl und ob du mit Unsicherheit umgehen kannst, ohne die Nerven zu verlieren.
Typische Anlässe im Interview
- Market-Sizing taucht oft auf bei Markteintritt („lohnt sich neues Land / neuer Kanal?“), Produktlaunch, Geschäftsmodellentwicklung oder Standortentscheidungen.
- Im Case hörst du dann Formulierungen wie „Marktpotenzial“, „Marktvolumen“, „jährlicher Umsatz“ oder „Anzahl der Kunden“, die fast immer auf Market-Sizing hindeuten.
- Wichtig ist, dass du die Begriffe im Kopf trennst: Marktvolumen (aktueller Absatz/Umsatz), Marktpotenzial (maximal mögliche Größe), Marktanteil (Anteil eines Anbieters am Markt).
- Das Interview-Ziel ist nie die perfekte Zahl, sondern ein logisch hergeleiteter, plausibler Ergebnisbereich plus ein klarer Rechenweg.
Schritt 1: Die Frage scharf stellen
Bevor du losrechnest, musst du den Case sauber verstehen – sonst rechnest du am Ziel vorbei. Nimm dir die ersten 1–2 Minuten, um zu sortieren und Rückfragen zu stellen.
- Kläre die Zielgröße:
- Umsatz oder Stück?
- In welcher Währung, welchem Zeitraum (pro Jahr ist Standard in Interviews)?
- Kläre den Scope:
- Land/Region (z.B. „ganz Indien oder nur urbane Gebiete?“).
- B2B vs. B2C, Zielgruppe (Alter, Einkommen, Lifestyle).
- Kläre das Produkt & den Kanal:
- Genaues Produkt (z.B. Eiweißpulver für Endkonsumenten).
- Vertriebskanal: online, offline, oder beides – das kann die Marktgröße deutlich verändern.
Bestätige danach kurz laut deine Definition des Problems („Also, wenn ich es richtig verstehe, sollen wir…“) – das zeigt Struktur und holt dir ein Nicken vom Interviewer, bevor du tief einsteigst.
Schritt 2: Das Framework – Kalkulationsbaum oder Tabelle
Im Kern gibt es zwei große Frameworks, die fast alle Market-Sizing-Cases abdecken: Problembaum (Issue Tree / Calculations Tree) und Tabelle. Beide funktionieren top-down oder bottom-up. Du solltest mindestens eines sicher beherrschen.
- Top-down:
- Du startest von einer großen Zahl (z.B. Gesamtbevölkerung) und filterst dich mit Prozentannahmen zur Zielgruppe und zum Umsatz herunter.
- Beispielstruktur für (Umsatz/Jahr):
- Bottom-up:
- Du startest bei einem typischen Kunden (z.B. „Sportler“) und rechnest dann hoch auf alle Kunden.
- Beispiel:
- Umsatz pro Sportler pro Jahr × Anzahl Sportler im Land = Marktgröße
In meinem YouTube-Video erkläre ich genau an einem Beispiel diesen Kalkulationsbaum (top-down) sehr ausführlich und zeige, wie du von der Gesamtbevölkerung Schritt für Schritt bis zum Marktvolumen kommst.
Schritt 3: Die Struktur laut aufbauen
Im Interview willst du zuerst die Logik präsentieren, bevor du irgendwelche Zahlen reinsetzt. So kann der Interviewer deine Herangehensweise absegnen und du musst später nicht alles korrigieren.
Formuliere deinen Rechenweg in Worten, z.B.:
„Ich würde den jährlichen Umsatz schätzen, indem ich zuerst die Zahl der relevanten Konsumenten in Indien ermittle und dann deren jährlichen Konsum mit dem Preis multipliziere.“
„Dafür brauche ich erst die Bevölkerung, dann die Zielgruppe, dann die Nutzer, dann Menge pro Jahr, dann den Preis.“
Zeichne dir einen mini Problembaum oder eine Tabelle:
Spalten: Segment, Population, % Zielgruppe, % Nutzer, Menge pro Nutzer, Preis, Umsatz.
Oder Ebenen im Baum: Bevölkerung → Zielgruppe → Nutzer → Stückzahl → Preis → Umsatz.
Wenn du deine Struktur laut erklärst und eine kurze Bestätigung einholst („Ist dieses Vorgehen für Sie so sinnvoll?“), kaufst du dir Sicherheit und Zeit.
Schritt 4: Sinnvolle Annahmen treffen
Ohne Internet musst du im Interview mit gut begründeten Schätzungen arbeiten. Wichtig ist, dass deine Annahmen:
grob realistisch sind
einfach zu rechnen sind (lieber 5%, 10%, 25% als 7,3%)
Begründe deine Annahmen kurz mit Alltagserfahrung („von meinen Freunden macht etwa jede*r dritte regelmäßig Sport, daher nehme ich 30% an“), das zeigt gesunden Menschenverstand.
Schritt 5: Beispiel – Eiweißpulver in Indien (Top-down)
Nehmen wir – vereinfacht – den Case aus deinem Skript: „Wir wollen in Zukunft Eiweißpulver an Endkonsumenten in Indien verkaufen. Wie viel Umsatzpotenzial pro Jahr gibt es?“
Ein möglicher Rechenweg (stark vereinfacht):
Gesamtbevölkerung Indien: grob auf 1,4 Milliarden gerundet.
Anteil der Bevölkerung, der in einer relevanten Altersgruppe ist und Sport macht, z.B. 30% → 0,42 Milliarden Sportler.
Anteil der Sportler, die Eiweißpulver nutzen, z.B. 25% → 0,105 Milliarden Nutzer.
Packungen pro Jahr pro Nutzer, z.B. 7 Packungen → ca. 0,735 Milliarden Packungen.
Durchschnittspreis pro Packung, z.B. 20 Euro → Markvolumen ca. 14,7 Milliarden Euro pro Jahr.
Wichtige Punkte dabei:
Du fragst zwischendurch nach, ob runden ok ist („Darf ich 18,95 auf 20 Euro runden?“), um zu sehen, ob grobe Größenordnung reicht.
Das Ergebnis muss nicht „richtig“ sein, aber die Größenordnung sollte passen und der Weg nachvollziehbar sein.
Problembaum vs. Tabelle
Beide Frameworks sind im Prinzip zwei Darstellungsarten desselben Gedankens. Welche du nutzt, ist Geschmackssache – im Interview kannst du auch beides kombinieren.
| Aspekt | Problembaum (Issue Tree) | Tabelle |
|---|---|---|
| Visualisierung | Zeigt logisch die Zerlegung von groß nach klein | Zeigt sauber alle Zwischenwerte pro Zeile |
| Klarheit für Interviewer | Sehr gut für Struktur & MECE (keine Lücken/Überschneidungen) | Sehr gut für detaillierte Rechnungen und Segmentierung |
| Rechnen | Zahlen kommen eher später, Fokus auf Logik | Zahlen und Rechenschritte direkt sichtbar |
| Nutzung im Interview | Ideal in der ersten Phase („so gehe ich vor…“) | Ideal, wenn du gemeinsam Rechnungen durchgehst |
Gerade für Berufsanfänger ist es oft am angenehmsten, erst einen groben Baum zu skizzieren und dann die einzelnen Äste in Form einer Tabelle durchzurechnen.
Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest
Direkt losrechnen, ohne den Case einzugrenzen (Zeitraum, Währung, Zielgruppe) → immer zuerst klären, was genau geschätzt werden soll.
Zu komplizierte Prozentwerte und Brüche, die dich beim Kopfrechnen aus dem Takt bringen → lieber runde, interviewfreundliche Zahlen nutzen.
Stille Rechnen, ohne deinen Gedankengang zu teilen → im Interview ist deine „Laut-Denken-Performance“ wichtiger als die exakte Durchrechnung.
Angst vor Annahmen → es wird erwartet, dass du mutig, aber begründet schätzt, nicht dass du exakte Statistiken auswendig kennst.
Wie du das jetzt üben kannst
Damit das im nächsten Interview automatisch läuft, hilft dir ein kurzer Trainingsplan:
Übe 1–2 Market-Sizing-Fragen pro Tag, z.B.: „Wie viele Pizzen werden in Deutschland pro Jahr bestellt?“ oder „Wie groß ist der Markt für Fitnessstudios in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern?“.
Geh immer in derselben Reihenfolge vor: Frage schärfen → Struktur skizzieren → Annahmen definieren → laut rechnen → Ergebnis interpretieren.
Halte deine Ergebnisse in einem Notizbuch fest (Case-Frage, Struktur, Annahmen, Ergebnis), damit du später Muster erkennst und schneller wirst.
Nutze dein YouTube-Video zur Marktgrößenanalyse parallel als „Visueller Spickzettel“, um Problembaum und Tabellen-Ansatz im Kopf zu verankern.
Zum Abschluss dieses Beitrags noch ein Punkt, der dir beim nächsten Bewerbungsgespräch einen echten Vorteil verschaffen kann: Wenn du merkst, dass dir Market-Sizing-Cases langsam Spaß machen, du aber bei ungewöhnlichen Branchen, kniffligen Annahmen oder stressigen Interview-Situationen noch unsicher bist, lohnt sich der nächste Schritt – vertiefte Praxis.
Genau dafür gibt es meinen Case Study-Masterkurs: Dort gehen wir Market-Sizing-Cases noch deutlich detaillierter durch, schauen uns Schritt für Schritt an, wie du saubere Rechenbäume aufbaust, Annahmen souverän begründest und deine Ergebnisse überzeugend präsentierst. Außerdem lernst du weitere häufige Case-Arten aus echten Bewerbungsgesprächen kennen, übst komplette Fälle von Anfang bis Ende und trainierst gezielt die Skills, die am Ende den Unterschied machen, wenn es um dein unterschriebenes Jobangebot geht.
